Irmela Wiemann. Adoption, Pflegekinder, Biografiearbeit – Artikel ab 2003
Zusammenleben mit seelisch verletzten Kindern
Nachdruck einer älteren Fassung in
mittendrin, Zeitschrift des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder e.V., Papenburg, Hefte 5/2005 bis 2/2006
Frühe Deprivation (Entzug, Mangel), Trennungserfahrungen und traumatische Erlebnisse wirken lebenslang auf Menschen und beeinflussen ihr
Bindungs-,
Leistungs-
und Sozialverhalten. Auch Kinder, die früh
(z. B.
mit einem Jahr) in eine Familie oder familienähnliche Lebensform vermittelt werden, sind oftmals durch frühe Traumatisierung (manchmal schon im Mutterleib) oder Deprivation geprägt. Das Zusammenleben kann auch mit diesen Kindern im Lauf der Jahre schwer werden. Dennoch gilt grundsätzlich die Regel: Je älter das Kind bei seiner Unterbringung, desto mehr Einfluss haben verschiedene typische Faktoren auf das Zusammenleben. ...
Was kann bei so einem Papa schon aus mir werden?
Über die Identitätsentwicklung von Pflegekindern
Netz 3/2011, Zürich, Themenheft Suche nach Identität – Entwicklungsaufgaben von Pflegekindern
Was bedeutet Identität im Leben von Pflegekindern, und was beeinflusst ihre Identitätsentwicklung? Welche Bedeutung hat die Beziehung zu den Herkunftseltern? Auf diese Fragen geht die Autorin ein und zeigt wie eine positive Identitätsentwicklung gelingen kann.
...
Kurze Lebensphase mit großer Wirkung
in infoletter 2/2011, »10 Jahre Bereitschaftspflege in Stuttgart«. Stuttgart, 2011
Liebe Bereitschaftspflegeeltern, liebe Fachkräfte und alle, die die Stuttgarter Bereitschaftspflege unterstützen,
zum 10-jährigen Jubiläum der Stuttgarter Bereitschaftspflege gratuliere ich Ihnen sehr herzlich! Und ich freue mich, dass ich Sie in diesen 10 Jahren oft begleiten und stärken durfte, bei Ihrem schwierigen Auftrag, mit den Herkunftseltern der Kinder zusammenzuarbeiten, sich an die aufgenommenen Kinder zu binden und sie wieder freizulassen, häufig in eine hoffnungsvolle, manchmal aber auch in eine beunruhigende Zukunft. Ein Pflegekind beschrieb seine Situation so: »Wie sonst Jungtiere in Aufnahmestationen hochgepäppelt werden und dann ausgewildert werden, so machen die das mit mir«.
...
Damit das Zusammenleben gelingt – Was brauchen
Adoptiv-
und Pflegekinder?
in
Zwischen Traumkind und Trauma – Voraussetzungen für gelingende Beziehungen in
Pflege-
und Adoptionsfamilien. Die Kinderschutz-Zentren, Köln, 2011
Vorbemerkung
Nicht alle Kinder mit einem schweren Start ins Leben können die Bedürfnisse, Regeln und Anforderungen einer Familie und ihres sozialen Umfeldes ohne weiteres erfüllen. Die meisten Kinder, die nicht bei ihren Eltern bleiben konnten, waren häufig schon im Mutterleib und in der Zeit zwischen Geburt und Ankunft in der
Adoptiv-
oder Pflegefamilie Stresserfahrungen ausgesetzt.
Pflege-
und Adoptivkinder sind keine von ihrer Biografie losgelösten Geschöpfe, denen es nach der Integration in eine neue Familie an nichts mehr fehlt. Deshalb müssen
Adoptiv-
und Pflegeeltern von fachlicher Seite darauf vorbereitet werden, dass sie ganz anderes und mehr werden leisten müssen, als andere Eltern. Sie sollten bereit sein, diese Herausforderungen zu erkennen und zu akzeptieren.
...
Biografiearbeit – was sie so hilfreich macht
in Themenhaft »Pflegefamilien begleiten, bilden, vernetzen«, Mai 2010, Verein tipiti, Zürich
Viele Kinder und Jugendlichen, die nicht mehr in ihrer Familie leben können, spüren nicht genug sicheren Boden unter den Füßen. Oftmals fehlen ihnen einfache Basisinformationen. In Großbritannien steht deshalb gesetzlich jedem fremdplatzierten Kind die Gestaltung eines »Life Story Books« zu. Ein Lebensbuch, ausgestaltet mit Fotos oder gemalten Bildern und Texten kann Kindern und Jugendlichen verlorene Teile ihres Selbst wieder zugänglich machen. Sie erhalten einen »Beweis« ihrer Existenz und der Existenz ihrer Familie. Bewährt haben sich auch die Arbeit mit Symbolen wie Lebensbäumen, Lebensketten, Lebenslinien, Lebenswegen, auf denen wichtige Ereignisse dokumentiert werden. In der Biografiearbeit entsteht eine Dokumentation. Gedanken oder Gespräche verblassen oder werden umgedeutet. Was einmal »festgehalten« ist, hat eine andere Verbindlichkeit und Gültigkeit. ...
Gestaltung von Pflegeverhältnissen – was brauchen Pflegekinder und ihre Familien?
in
unsere Jugend, 62. Jahrgang, Heft 6, Juni 2010, S. 242 bis 251, Ernst Reinhard Verlag, München
»Wir können die Kinder aus ihren Familien nehmen, aber nicht die Familien aus den Kindern« (Portengen 2006)
Vorbemerkung
Laien gehen davon aus, das Aufwachsen eines Pflegekindes würde sich nicht weiter vom Aufwachsen anderer Kinder unterscheiden. Schließlich hat dieser kleine Mensch Familie, Bindung, ein privates Zuhause. Doch ehemaligen erwachsenen Pflegekindern gelingt es nur zur Hälfte, ökonomische Selbstständigkeit, gute Familienbeziehungen und gute Fürsorge für ihre eigenen Kinder zu verwirklichen
(vgl.
Kindler 2008). Sie haben ein erhöhtes Risiko, als junge Erwachsene delinquent, drogenabhängig oder psychisch krank zu werden oder im jungen Erwachsenenalter eines unnatürlichen Todes (vor allem durch Suizid) zu sterben. Junge Menschen, die in Risikofamilien aufgewachsen sind und nicht fremdplatziert wurden, tragen laut einer schwedischen Studie in etwa dasselbe Risiko
(vgl.
Vinnerljung, Ribe 2001).
Als Psychotherapeutin, die seit mehr als 30 Jahren Pflegekinder, Pflegefamilien und Herkunftsfamilien sowie die zuständigen Fachkräfte der Jugendämter berät und fortbildet, beschreibe ich hier die derzeitigen Gegebenheiten im deutschen Pflegekinderwesen und zeige, unter welchen Bedingungen Pflegekinder zu zufriedenen Erwachsenen heranwachsen können.
...
Pflegefamilie und Herkunftsfamilie in Balance – Chance für das Pflegekind
in
Blickpunkt Pflegekinder, Heft 1, März 2010, PFIFF gGmbH, Hamburg
Nachdruck in
mittendrin, Zeitschrift des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder e.V., Papenburg, Heft 2/2010
»Tue, was in deiner Macht steht, akzeptiere, was nicht in deiner Macht steht, und lerne den Unterschied zwischen beiden zu erkennen« (Marc Aurel zugeschrieben)
Wie gelingen Kooperationen zwischen leiblichen Eltern und Pflegefamilie? Mit welcher haltung sollen die Pflegeeltern der Herkunftsfamilie begegnen? Die Buchautorin und gefragte Referentin Irmela Wiemann über die Herausforderung, Bündnisse zum Wohle des Kindes zu schließen
Pflegekinder können ihre Situation am besten bewältigen, wenn Pflegeeltern und Herkunftseltern einander respektieren. Ihr Selbstwert und ihre Antwort auf die Frage »Wer bin ich?« wird davon bestimmt, ob sie ihre leiblichen Eltern glücklich oder unglücklich lieben oder sogar hassen, ob sie sich ihrer schämen, ob sie um sie trauern und ob sie einordnen können, weshalb sie von ihnen fort mussten.
Dieses innere Bild entsteht durch Erfahrungen des Kindes mit den Eltern,
z.B.
im früheren Zusammenleben oder bei Kontakten. Zum anderen verinnerlichen Pflegekinder die Gefühle und Haltungen ihrer nahen Bindungspersonen. Die jungen Menschen haben ihre Mütter und Väter sowie ihre Pflegemütter und Pflegeväter innerlich repräsentiert. Sie tragen diese in sich. Wenn ihre inneren leiblichen Eltern und ihre inneren Pflegeeltern Krieg führen, so kostet dies junge Menschen nicht nur viel psychische Energie, es beeinflusst auch ihr Ja oder Nein zum Leben. Gibt es eine wie auch immer gelebte Balance zwischen den Familien, so gibt es Frieden im Innern der jungen Menschen.
...
Wer hat das Kind in die Klappe gelegt?
Verfehlen Babyklappen ihren Zweck?
Fragen an die Familientherapeutin Irmela Wiemann
Von Eva Baumann-Lerch
Aus: Publik-Forum, Oberursel, Ausgabe 24/09
Frau Wiemann, der Deutsche Ethikrat hat empfohlen, die Babyklappen abzuschaffen. Was halten Sie von dieser Empfehlung?
Irmela Wiemann: Ich finde die Empfehlung des Ethikrates richtig. Denn Kinder, die in einer Babyklappe abgelegt wurden, leiden häufig ein Leben lang unter ihrer ungeklärten Herkunft. Und auch Mütter, die ihr Kind in einer akuten Krise in die Klappe bringen, können nicht überblicken, wie sehr sie später unter dieser Entscheidung leiden. Niemand hilft ihnen in ihrer schweren Lebenssituation. Außerdem weiß ja keiner, wer das Baby überhaupt in die Klappe gelegt hat. Möglicherweise geschah das Ganze gegen den Willen der Mutter. Das kann zum Beispiel bei Frauen passieren, die als Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution illegal hier leben. Die Babyklappe kann missbraucht werden, um kriminelle Handlungen zu vertuschen.
...
Interview Wurzelreise »Ist mein Kind reif dafür?«
Alles was Sie über das erste Treffen mit der Herkunftsfamilie Ihres Kindes wissen sollten
Aus: PICCOlino, Heft 3/2009, Starnberg
Ein Treffen mit den leiblichen Eltern oder den leiblichen Müttern kann Kindern dabei helfen, ihren Kummer über das Fortgegeben-Sein zu mildern. Auch wenn ein Treffen mit der leiblichen Familie nicht möglich ist, weil sie vielleicht gar nicht bekannt ist, kann die Beschäftigung mit ihr eine zentrale Rolle für die Kinder spielen.
PICCOlino sprach mit Irmela Wiemann über das erste Treffen von Adoptivkindern mit ihrer leiblichen Familie und über die Bedeutung der Herkunftsfamilie, auch wenn sie nicht bekannt ist.
Das Interview führte Claudia Brehm.
PICCOlino: Frau Wiemann, in Ihrem Buch »Ratgeber Adoptivkinder« geht es unter anderem auch um ein erstes Treffen von Adoptivkindern mit den leiblichen Eltern im Kindesalter.
Wann ist das ideale Alter für ein erstes Treffen?
Irmela Wiemann: Das ideale Alter gibt es nicht. Das erste Treffen kann sehr früh sein, ich kenne Kinder die mit 4 oder 5 Jahren ein erstes Treffen erlebt haben und für die es sehr positiv und gewinnbringend verlaufen ist und es gibt andere Kinder, da würde ich ein Treffen erst viel später für sinnvoll halten.
Es gibt verschiedene Einflussfaktoren: Einer dieser Einflussfaktoren ist die innere Haltung, die Adoptiveltern gegenüber der leiblichen Mutter haben. Diese Haltung der Adoptiveltern sollte in etwa lauten: »Ja, die leibliche Mutter hat einen Platz im Leben unseres Kindes und gleichzeitig ist unsere seelisch-soziale Elternschaft zu unserem Kind nicht tangiert durch ein solches Treffen.« Wenn die Adoptiveltern sich in diesem Bereich nicht hundertprozentig sicher sind, kann das zu Irritationen führen. Ein weiterer Faktor ist die Erwartung der Adoptiveltern an die leibliche Mutter. In dem Moment, wo eine Adoption durch ein Treffen geöffnet wird, bekommt die leibliche Mutter (sehr selten auch die leiblichen Väter oder leibliche Elternpaare) eine bestimmte Verantwortung. Manche Mütter können diese Verantwortung aber gar nicht übernehmen und können sich nicht angemessen verhalten. Dann ist es wichtig, dass die Adoptivfamilie der leiblichen Mutter innerlich erlaubt »Ja, Du hast uns alle Verantwortung übertragen, wir sind jetzt 100% Eltern, und wenn Du jetzt nicht genug Verantwortung trägst, dann müssen wir das akzeptieren.« Bei einem Treffen muss die leibliche Mutter dennoch eine Teil-Verantwortung tragen, nämlich dafür, wie sie sich verhält, was sie dem Kind sagt, was sie dem Kind an Gefühlen zeigt. Hier kann sich nicht jede Mutter ideal oder wunschgemäß verhalten. In manchen Fällen ist daher auch von einem Treffen im Kindesalter abzuraten. Oder es braucht dann Adoptiveltern, die sehr viel auffangen. Deswegen ist der richtige Zeitpunkt im Leben des Kindes dann, wenn die Adoptiveltern innerlich reif für ein Treffen sind und sich das alles zutrauen.
...
Auch Eltern ohne Kinder bleiben Eltern
Beratungsprozesse mit Herkunftseltern
Mitarbeit Eva Ris
Entwurf eines Beitrags in
Heinz Kindler/Elisabeth Helming/Marion Küfner/Thomas Meysen/Karin Jurczyk (2010) (Hrsg.): Handbuch Pflegekinderhilfe. München: DJI
Nachdruck der Kapitel 1 bis 4 in PFAD AKTUELL 02/2010, PFAD FÜR KINDER Bayern (Hrsg.), Aichach
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Herkunftselternarbeit – ein Beitrag zur Stabilisierung der Kinder
3. Die Lebenssituation von Herkunftseltern
4. Inhalte und Ziele der Arbeit mit Herkunftseltern
5. Interventionstechniken – Methoden
5.1. Haltungen in der Arbeit mit Herkunftseltern
5.2. Therapeutisch angeleitete Gruppenarbeit mit Herkunftseltern
5.3. Die vier Dimensionen der Elternschaft
5.4. Familienskulpturen
5.5. Innere Ansprachen, Üben von Dialogen, Rollenspiele
5.6. Merkzettel, »Leitfäden« formulieren, Briefe verfassen
6. Themen und konkrete Beispiele von Beratungsprozessen
6.1. Übernahme der Verantwortung für die Anlässe, die zur Fremdplatzierung des Kindes geführt haben
6.2. Beauftragung des Kindes, in der Pflegefamilie leben zu dürfen
6.3. Mit Kindern über die Gründe der Fremdunterbringung sprechen
6.4. Klarheit über die eigene Rolle im Leben des Kindes gewinnen
6.5. Sinn und Zweck von Besuchskontakten
6.6. Beratung von Müttern (Vätern) mit Rückkehroption ihres Kindes
7. Grenzen der Herkunftselternarbeit
8. Ausblick
Biografiearbeit mit
Adoptiv-
und Pflegekindern
in Christiana Hölzle, Irma Jansen
(Hrsg.):
Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen – Zielgruppen – Kreative Methoden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2009
Viele Kinder, die ihre leiblichen Familien verlassen mussten, empfinden Verwirrung und unspezifischen Schmerz über ihre Vorgeschichte. Natürlich ist es ein grundlegender Unterschied, ob ein Kind in einer Pflegefamilie oder in einer Adoptivfamilie lebt. Für das adoptierte Kind tragen die emotional-sozialen Eltern auch die rechtliche und ökonomische Verantwortung. Das Kind ist erbberechtigt. Laut Gesetz sind die verwandtschaftlichen Verhältnisse zur Herkunftsfamilie erloschen, was aber nicht der psychischen Realität von Adoptivkind, Adoptiveltern und leiblichen Eltern entspricht. Kontakte zur Herkunftsfamilie sind auch heute noch, trotz der oftmals praktizierten offenen Adoption, beim Adoptivkind die Ausnahme.
Während die Adoptivfamilie eine Privatfamilie ist und gesetzlich anderen Familien gleichgestellt ist, erfüllen Pflegeeltern einen öffentlichen Auftrag und erbringen eine Hilfe zur Erziehung für die Herkunftseltern und das sie beauftragende Jugendamt. Sie erhalten Unterhalt für das Kind und ein kleines Honorar für ihre pädagogischen Leistungen. Es gibt eine große Bandbreite von Formen der Familienpflege. Am einen Ende des Spektrums haben wir adoptionsähnliche Dauerpflegeverhältnisse. Wenn das Kind jung in die Pflegefamilie kam, erhält es elterliche
Bezugs-
und Bindungspersonen. Am anderen Ende des Spektrums gibt es Pflegeverhältnisse auf Zeit: Das Kind soll in einem absehbaren Zeitraum wieder in seine Herkunftsfamilie zurückkehren. ...
Die Bedeutung der Gestaltung der Kennenlernphase von Adoptionsbewerbern und Kindern im Herkunftsland für das weitere Eltern-Kind-Verhältnis, insbesondere für den Beziehungsaufbau. Ausführungen aus psychologischer Sicht für die Zentrale Adoptionsstelle Berlin-Brandenburg (ZABB):
in
Informationen über die Adoption eines Kindes, 2008, Herausgeber: Landesjugendamt Brandenburg, Zentrale Adoptionsstelle Berlin-Brandenburg
Inhalt:
Vorbemerkung
Der Aufbau der Beziehungen in einer Adoptivfamilie
Die Ausgangssituation
Zusammenleben in der Adoptivfamilie und soziales Umfeld
Folgen von fehlenden Bindungspersonen und Deprivation in der frühen Kindheit auf die spätere Persönlichkeit des Kindes
Risikofaktoren und Resilienz
Was bedeuten die Ergebnisse von
Resilienz-
und Hospitalismusforschung für das Verfahren bei Auslandsadoption?
Wirkungen einer abrupten Übergabe auf die spätere Familiendynamik und die spätere Persönlichkeit des Kindes
Folgen eines abrupten Umgebungswechsels auf das kindliche Gehirn
Der Anbahnungsprozess: Vertraut werden von künftigen Eltern und Kind
Was geht während der Anbahnungszeit im Kind vor?
Wie geht es den Adoptionsbewerbern während der Anbahnung?
Wenn beim ersten Kontakt Ambivalenzen auftreten
Nein sagen muss erlaubt werden
Die Gestaltung eines guten Anbahnungsprozesses bei Adoptivkindern aus dem Ausland
Warum ein langsamer Anbahnungsprozess von großer Bedeutung ist
Vorbereitung des Kindes
Erstes Zusammentreffen von Kind und Adoptiveltern
Weitere Kontakte
Notwendigkeit der Reflektion zwischen den Kontakten
Vertrautes mitnehmen ins neue Leben
Schlussbemerkung
Literaturhinweise
Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen: Brücken bauen, Verluste ins Leben integrieren
in
FoRuM Supervision, 16. Jahrgang, Heft 32, Oktober 2008, Fachhochschulverlag, Frankfurt in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Supervision e. V. (DGSv)
Zusammenfassung: Fachkräfte im
Adoptions-
und Pflegekinderwesen haben mit Klienten zu tun, die mit Brüchen im Leben konfrontiert sind: Adoptiveltern, die ihre ungewollte Kinderlosigkeit als Verlust erleben; leibliche Eltern, die sich von ihrem Kind trennen müssen und darunter leiden; Pflegeeltern, die versuchen, die seelischen Wunden der Kinder zu heilen und von den Fachkräften dazu bewegt werden müssen, dem Kind zuliebe eine konstruktive innere Haltung zur Herkunftsfamilie zu entwickeln und letztlich diejenigen, um die es in erster Linie geht: Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die den großen Schmerz des Verlassenseins in sich tragen, die
Identitäts-
und Loyalitätskonflikten, Ängsten, Schuldgefühlen und Mythenbildung belastet sind. Biografiearbeit (»Life story work«) mit Kindern und Jugendlichen gehört in den angelsächsischen Ländern bereits zu den Standards der Jugendhilfe, insbesondere der
Pflegekinder-
und Adoptionsdienste. Kinder, die Brüche in ihrer Biografie erlebt haben, erhalten konkrete Hilfe, ihre Geschichte und die Geschichte ihrer Herkunftsfamilie zu dokumentieren sowie die Gründe des Verlustes und der Trennung zu verstehen. In der Supervision mit sozialen Fachkräften im Jugendhilfespektrum sind Fragen der inhaltlichen Gestaltung von Biografiearbeit, die innere Haltung zu den Herkunftseltern, die Erfahrung von eigenen Grenzen und persönlichen »Stolpersteinen« immer wieder Thema.
Vater – Mutter unbekannt
Die schmerzliche Frage nach der eigenen Identität
in
SYM, Magazin der evangelischen Akademie Bad Boll, Heft 4/2007, Bad Boll
Wer mit Vater und Mutter aufgewachsen ist, kann sich oft nicht vorstellen, welchen Leidensweg Menschen durchleben, die ohne einen oder beide leiblichen Elternteile groß werden. Der Schmerz, von der Mutter, vom Vater getrennt, verlassen, verstoßen worden zu sein, verbindet sich mit dem fehlenden Wissen um Aussehen, charakterliche Bausteine usw. Wer in
Adoptiv-,
Eineltern-
oder Stieffamilien aufwächst, hat oft weit bis ins Erwachsenenalter an dieser tiefen Lücke zu tragen.
»Ich habe beim ersten bewussten Blick in den Spiegel keine vertrauten Züge meiner Eltern gesehen«, sagt eine heute erwachsene Adoptierte. Susanne Bongartz, ebenfalls adoptiert, schreibt in ihrem autobiografischen Roman »Der Tote von Passy«: »Ich habe, seit ich denken kann, immer ein Geschehen hinter den Fassaden vermutet. Die Faszination der Rätsel. Der Zwang, aus allem eine doppelte Bedeutung zu lesen, war überall.« In ihrem Buch »Niemandstochter, auf der Suche nach dem Vater«, beschreibt Sibylle Plogstedt, wie unerträglich es für sie ist, einen Niemand zum Vater zu haben. Sie schreibt ihm fiktive Briefe: »Mutti sagt, sie hätte dich nicht wirklich geliebt. Sie sagt, sie wäre immer auf die falschen Männer hereingefallen. Du warst auch so ein falscher.«
...
In der Vergangenheit findest du die Zukunft
in
Sozialpädagogische Impulse, Heft 2/2007, mbc-Verlag, Hollabrunn, Österreich
In Großbritannien gehört »Life story work« mit fremdplatzierten Mädchen und Jungen seit vielen Jahren zu den Standards der Jugendhilfe. Wichtige, oftmals unausgesprochene, Fragen werden beantwortet: Wo komme ich her? Wer ist meine Mutter, mein Vater? Wo sind meine Geschwister? Warum musste ich fort? Warum lebe ich hier? Was wird aus mir? ...
In der Biografiearbeit soll eine Dokumentation entstehen: Gedanken oder Gespräche verblassen oder werden umgedeutet. Was einmal »festgehalten« ist, hat eine andere Verbindlichkeit und Gültigkeit. Nicht nur für fremdplatzierte Mädchen und Jungen ist es wertvoll, bedeutsame Lebensereignisse zu ordnen und in das Leben zu integrieren. In jedem Kinderleben gibt es Einschnitte wie
z. B.
Kindergarten-, Schuleintritt, Geburt von Geschwistern, Umzüge, Trennung der Eltern, Wohnortwechsel, Migration, Trauerfälle, Krankheiten u. v. a. Durch die Darstellung von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem werden für alle Kinder Nachreifungsprozesse angeregt.
Schuleintritt, Geburt von Geschwistern, Umzüge, Trennung der Eltern, Wohnortwechsel, Migration, Trauerfälle, Krankheiten
u. v. a.
Durch die Darstellung von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem werden für alle Kinder Nachreifungsprozesse angeregt.
Wer macht Biografiearbeit?
Am besten arbeitet eine nahe Bezugsperson wie
z. B.
Mutter, Vater, Großmutter, Großvater, Pflegemutter, Adoptivvater, BezugserzieherIn in Wohngruppen und Heimen
u. a. m.
mit dem Kind. Diese Menschen sollten sich in Gruppen schulen und beraten lassen. Auch Fachkräfte in Erziehungsberatungsstellen oder in Einrichtungen der Jugendhilfe, in
Pflegekinder-
oder Adoptionsdiensten können für Kinder deren Biografie dokumentieren. Wenn Kinder auf Krisenplätze kommen, kann Biografiearbeit die Brüche abmildern. Wer mit dem Kind biografisch arbeitet, muss verlässlich und einfühlsam sein. Er/Sie soll für das Kind verfügbar bleiben, und auch schmerzhafte Aspekte der Lebensgeschichte des Kindes mittragen, bis der gemeinsame Prozess zum Abschluss kommt. Eine therapeutische Ausbildung ist nicht erforderlich. Biografiearbeit kann aber gut in eine professionelle Psychotherapie eingebaut werden.
...
Kinder mit zwei Familien –
Eineltern-,
Stief-,
Patchwork-,
Pflege-
und Adoptivfamilie
Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe Wertvolle Kinder am 7. November 2006 in Bregenz.
Der ORF Radio Vorarlberg sendete eine Funkfassung des Vortrages am 3.Februar 2007 und wiederholte diese am 8. Februar 2007 im Rahmen der Sendereihe Focus. Sie ist jederzeit über Internetseite des ORF Vorarlberg abrufbar.
Die Trennung der Eltern stellt für Kinder eine existenzielle Erschütterung dar. Nach der Trennung spielt der abwesende Elternteil eine große Rolle und hat eine starke Wirkung auf die Seele des Kindes.
Für alle abwesenden Elternteile gilt: Wenn der abwesende Elternteil Wertschätzung erfährt, dann geht es dem Kind gut. ...
»Ihr habt mr nichts zu sagen« – Die großen Herausforderungen der Adoption
in
Psychoscope, Heft 7/2006, Zeitschrift der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP, Bern
Was macht die Adoption für Eltern und Kinder schwierig? Welche Probleme tauchen auf? Wie soll mit ihnen umgegangen werden? Diesen Fragen geht die Psychotherapeutin Irmela Wiemann nach und stellt insbesondere das Konzept der Biografiearbeit vor.
Viele Menschen gehen davon aus, das Aufwachsen eines adoptierten Kindes unterscheide sich nicht weiter vom Aufwachsen anderer Kinder auch. Schließlich hat dieser kleine Mensch alles, was er zu seiner Reifung und Entwicklung braucht: Emotionale Zuwendung, Bindung, elterliche Verantwortung, Familie, Eltern, die sich engagieren. Adoptiveltern und jene, die ihnen beratend oder therapeutisch zur Seite stehen, benötigen jedoch spezifische Kenntnisse über seelisch früh verletzte Kinder, Bindungsstörungen,
Identitäts-
und Loyalitätskonflikte. Oftmals ist therapeutische Hilfe für die annehmenden Eltern erforderlich, um mit den spezifischen Auffälligkeiten ihres Kindes leben zu lernen, Belastbarkeit und Einfühlung zu entwickeln. Eine wirkungsvolle Hilfe ist die Biografiearbeit. Sie ermöglicht adoptierten Kindern und Jugendlichen, ihre besondere Geschichte, ihre Herkunftseltern, ihre Adoptiveltern und sich selbst besser annehmen zu können. ...
Dürfen Eltern lügen?: Kleine Flunkerei
in Starke Eltern – Starke Kinder, Jahresheft 2006, Herausgeber: Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V., Stuttgart
Kleine Lügen – große Wirkung
Es war Ostern. Die Eltern wollten, dass ihr vierjähriger Paul sich vom Schnuller trennte. Sie schlugen ihm vor, seinen Schnuller dem Osterhasen zu schenken. So legte er diesen auf Anraten der Eltern hinter einen Baum und fand dort danach süße Ostereier. Am Abend verlangte er verzweifelt nach seinem Schnuller. Die Eltern sagten: »Du hast ihn doch selber dem Osterhasen geschenkt. Wir können ihn nicht zurückholen.« Paul blieb nichts anderes übrig, als ohne Schnuller einzuschlafen.
Keine Tränen, kein Protest. Am nächsten Tag kein Wort mehr. Ein Erfolg für die Eltern? Doch der »kleine Trick« bleibt nicht ohne Folgen, denn Eltern-Kind-Beziehungen ruhen auf vier Grundpfeilern: ...
Vorwort über die Bedeutung von Biografiearbeit
in Edith Engelhart-Haselwanter:
Lebensbuch für Pflegekinder und
Lebensbuch für Kinder, die im Kinderdorf leben, Bregenz, 2006
Verein Vorlberger Kinderdorf, Bregenz
Wer die Vergangenheit ängstlich verdrängt, wird kaum mit der Zukunft im Reinen sein ... A. Twardowskij
In meiner langjährigen beratenden und therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in
Pflege-
und Adoptivfamilien, Kinderdörfern und Einrichtungen der Jugendhilfe, war die Entdeckung der Biografiearbeit für mich ein ganz bedeutender Meilenstein. Erst Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts stieß ich auf einen amerikanischen Leitfaden für
Pflege-
und Adoptivkinder: The Book of Me, von Gail Folaron und Gill Chambers, Indianapolis, 1983. Auf dieser Vorlage basieren die meisten Materialien, die seit Mitte der achtziger Jahre in den Niederlanden, in Großbritannien und in den deutschsprachigen Ländern Europas entwickelt und erprobt wurden. ...
Früher Verlust familiärer Wurzeln und seelische Folgen
impu!se 50, März 2006, Hannover
Herausgeberin: Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e. V., Hannover
Adoptierte oder früh in Familienpflege gegebene Kinder führen zwei Leben: Eines mit ihrer emotionalen Familie, Alltag, Normalität – und eines voll seelischem Schmerz, von den eigenen Eltern fortgegeben worden zu sein.
Wir wissen aus der Säuglingsforschung, dass Neugeborene ihre Eltern an der Stimme, der Sprache, am Herzschlag und am Geruch erkennen. Neugeborene spüren und speichern den Verlust, den Bruch im Leben. Es gibt vielfältige seelische Folgen, z.B. lebenslange Selbstunsicherheit, Ängste vor neuer Trennung, Selbstzweifel und Selbstablehnung. Die in Schweden erstmals nachgewiesene hohe Rate von Suizid und Suizidversuchen bei ausländischen Adoptierten, oder der erhöhte Anteil von Adoptierten in der Psychiatrie sind deutliche Hinweise für die Störanfälligkeit von Menschen mit frühen Verlusten und Beziehungsabbrüchen. ...
Einträge: Adoption / Pflegekinder
in Raimund Pousset (Hrsg.): Handwörterbuch für Erzieherinnen und Erzieher
Cornelsen Verlag Scriptor, Berlin, 2007, 2. aktualisierte Auflage 2010
Ehemaliger Verlag: Beltz, Weinheim, 2006
Interview: Biografiearbeit hat eine zentrale Bedeutung
ÖKO-TEST 7, 2005, Frankfurt am Main
ein Gespräch mit Gabi Haas im Rahmen des Dossiers: Adoptionen, ein besonderes Schicksal
ÖKO-TEST: Adoptionsfamilien sind konfliktanfälliger als Normalfamilien. Wo liegen die Hauptprobleme?
Wiemann: Es ist für die Beteiligten schwer, damit zu leben, dass es eine seelisch-soziale Elternschaft gibt, die nicht zugleich die biologisch-genetische ist. Und diese seelisch-soziale Elternschaft wird von den Kindern und Jugendlichen oft angezweifelt. Ich kenne Kinder von sechs oder acht Jahren, die sagen: »Ich gehe jetzt zum Jugendamt und hole mir neue Eltern.« Ihre Familie wurde schon einmal ausgetauscht, weshalb nicht wieder? Sie tragen viele Zweifel in sich. ...
Interview: Meine Eltern wollten mich nicht!
Psychologie Heute compact Heft 12, Familienleben, 2005, Weinheim
Nachdruck eines Gesprächs mit Thomas Saum-Aldehoff unter dem Titel: Adoptivkinder wissen genau, wo sie hingehören
über Bindungen und Ängste in Adoptivfamilien und das Bedürfnis des Kindes, seine Herkunft zu erkunden: Psychologie Heute 5/1999
Biografiearbeit –
Heilungschance für seelisch verletzte Kinder
aus: Restposten Pflegefamilie e.V., 24857 Fahrdorf:
Informationen, Berichte und Geschichten rund um das Pflegekinderwesen. (2004)
Warum Biografiearbeit?
Biografiearbeit ist eine moderne Methode, Kindern
und Jugendlichen bei der Rekonstruktion ihrer
Vergangenheit zu helfen, verschwundene Angehörige
und verschwundene Zeiten wieder zugänglich
zu machen und so die seelische Reifung und
Weiterentwicklung von Kindern und Jugendlichen
zu fördern und ihnen das Gefühl zu vermitteln, ein
kompletter, wertvoller Mensch zu sein. Das Erarbeiten
der Biografie (griech. = Lebensbeschreibung)
gibt den Kindern zumindest symbolisch ihre
Geschichte, ihr Land, frühere Lebensorte, verlorene
Familienmitglieder oder Vorfahren, zurück. ...
Vergangenes klären – Zukünftiges aufbauen.
aus ESPOIR-Bulletin, Herbst 2004
Was Kinder aus mehrfach belasteten Familien
erfahren, wenn sie in eine Pflegefamilie kommen,
und wie sie darauf reagieren, darüber berichtet
die Psychologin und Familientherapeutin
Irmela Wiemann.
Von der eigenen Familie getrennt, in einer neuen
Familie zu leben, ist für jedes Kind ein Prozess,
der enorme seelische Energie verbraucht.
Und doch halten manche Jungen und Mädchen
ihre Verzweiflung, ihre Verwirrung, ihre Ängste
unter Verschluss und passen sich in der ersten
Zeit an. Diese »Sonnenscheinphase« kann nicht
anhalten. Ein seelisch verletztes Kind hat bestimmte
Überlebensstrategien verinnerlicht. Mit
der Zeit zeigt es auf vielen Ebenen des Fühlens
und Verhaltens die Spuren der Vergangenheit. ...
Interview: Mit dem Kind gemeinsam den Schmerz aushalten
Netz 4/2004, Zürich
Das Interview über die besonderen Bedürfnisse von Pflegekindern führte Kathrin Barbara Zatti
Haben Pflegekinder andere Bedürfnisse als Kinder, die bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können?
Ja, mit Sicherheit! Sie haben zum einen die Bedürfnisse, die alle Kinder haben: Tag und Nacht Versorgtwerden, Kommunikation, Halt. Aber sie haben eine ganze Reihe von zusätzlichen Bedürfnissen. Die Kinder fühlen sich von ihren Eltern alleingelassen und benachteiligt, und sie brauchen deshalb besonders viel Hilfe im Umgang mit ihrer schweren Ausnahmesituation. Man darf als Pflegeeltern nicht meinen, das Kind habe alles, was es braucht, weil man ja jetzt jeden Tag für das Kind da ist: Es hat nie alles was es braucht, denn um wirklich alles zu haben, bräuchte es noch seine leiblichen Eltern als seelisch-soziale Eltern. Die Kinder wollen in ihrem Kummer wahrgenommen werden – und das gehört in ihren Alltag. So könnte der Pflegevater zum Beispiel beim Gemüserüsten sagen: »Also wenn mir das passiert wäre, dass meine Eltern nicht hätten auf mich aufpassen können und ich hätte von ihnen weg gehen müssen, dann wäre ich aber manchmal ganz schön traurig«. Vielleicht antwortet das Kind nicht darauf, aber das spielt keine Rolle: Es geht darum, dass das Kind spürt, dass der Pflegevater etwas von seinen Gefühlen und seiner besonderen Situation verstanden hat. ...
Interview: Die Rollenklärung ist enorm wichtig
Interview zum Thema Patchwork-Familien, Kinder in Stieffamilien und Stiefkindadoption
Das Interview führte Bernhard Vetter für
ZDFonline am 9. November 2004
Eine Patchwork-Familie wie »Die Albertis« ist gut fürs Fernsehen, weil es bei Ihr immer etwas zu erleben gibt. Turbulenzen gehören hier zum Alltag. Aber sind Patchwork-Familien auch gut fürs richtige Leben? Wie gehen Kinder mit den neuen Geschwistern und dem neuen Elternteil um?
ZDFonline: Frau Wiemann, für wen ist die Patchwork-Familie das größere Problem: Für die Erwachsenen, die sich mit den »fremden« Kindern des Partners herumschlagen müssen, oder für die Kinder, die plötzlich einen – zumindest subjektiv – neuen »Erziehungsberechtigten« haben?
Irmela Wiemann: Es ist sicher so, dass es eher für die Erwachsenen am Schwierigsten ist, weil sie sich häufig nicht ganz ihrer Rolle und ihres ‹Status› bewusst sind. Kinder können sich gut mit einer neuen Lebenssituation arrangieren, wenn sie spüren, dass die Erwachsenen im Reinen sind. Und für die Kinder ist das Wichtigste bei einer Patchwork-Familie, dass ihr anderer leiblicher Elternteil nicht verloren geht. Es gibt Forschungen, die sagen, es gibt sehr, sehr gute Aussichten für
Stief-
und Patchwork-Familien, wenn es einen uneingeschränkten Zugang zu dem anderen Elternteil der Kinder gibt. ...
Interview: Die Rückkehr von Pflegekindern in ihre Herkunftsfamilie
Der Österreichische Amtsvormund 182, 2004, Wien
Rückführungen sind nicht immer am Wohle des Kindes orientiert. Im Rahmen einer Weiterbildung im Colleg für FamilienPädagogik im März 2004 gab Irmela Wiemann, Familientherapeutin, Autorin und langjährige Expertin für Pflegekinder fachliche Orientierung, wann Rückführungen anzustreben sind und wie sie gelingen können. Das Interview führte Dr. Rosa Heim, die Leiterin des Collegs für FamilienPädagogik:
Heim: Was war ausschlaggebend, dass Sie sich mit dem Thema Rückführungen so intensiv beschäftigten?
Wiemann: Wenn man sich mit fremdplatzierten Kindern befasst, dann gehört das Thema Rückplatzierung dazu. Ich wurde als Fachfrau immer wieder hinzugezogen, wenn nicht klar war: Was ist für das Kind das Richtige? Leider erfahre ich auch von vielen Rückführungen, die nicht gelungen sind. Wir müssen immer abwägen: Was ist das höhere Gut für das Kind? In der eigenen Familie groß zu werden oder die langjährige Bindung in einer Pflegefamilie zu erhalten. ...
Mit freundlicher Genehmigung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V.
http://www.bke.de/
Rezension: Durch Biografiearbeit das Selbstbewusstsein von fremdplatzierten Kindern stärken
(Karin Mohr, Klaus ter Horst: Mein Lebensbuch, Eylarduswerk e.V., Bad Bentheim, 2004)
Informationen für Erziehungsberatungsstellen 2/04, Fürth
Eine inzwischen unverzichtbare Methode,
Heim-,
Pflege-
und Adoptivkindern
bei der Bewältigung
ihres Ausnahmeschicksals zu helfen, ist
die Biografiearbeit. Sie ist eine Möglichkeit,
Kindern und Jugendlichen bei der
Rekonstruktion ihrer Vergangenheit zu
helfen, die Gegenwart klarer einzuschätzen
und so ihr Selbstvertrauen zu fördern.
Biografiearbeit bedeutet immer,
ein Produkt, eine Dokumentation zu erstellen.
Gesprochene Worte gehen wieder
verloren oder werden umgedeutet.
Deshalb ist das schriftliche und optische
Dokumentieren durch Schreiben, Malen,
Ausfüllen von Vorlagen, das Einkleben
von Fotos Bestandteil biografischen Arbeitens.
Karin Mohr und Klaus ter Horst vom Eylarduswerk, (ein Jugendhilfeverbundsystem in Bad Bentheim/Niedersachsen) haben optisch ansprechende, vorstrukturierte Materialien zur Biografiearbeit in „Mein Lebensbuch“ zusammengestellt und übertreffen in weiten Teilen die klassischen Ansprüche eines „life story books“, von dem es im angelsächsischen Raum eine Vielzahl von guten Vorlagen gibt: ein dicker Ordner mit bunten, nicht nummerierten Seiten aus griffiger Pappe. Die einzelnen Arbeitsblätter sind herausnehmbar und können nicht nur mit Kindern und Jugendlichen im Heim (hier liegt eindeutig der Schwerpunkt) sondern mit allen anderen Kindern bearbeitet werden, sodass ein großer Teil der Vorlagen für die Arbeit in Erziehungsberatungsstellen ausgesprochen gut geeignet ist.
Es gibt ein Begleitheft mit einer gut verständlichen Anleitung zur Handhabung des Materials. Hier wird auch darauf hingewiesen, wie wichtig es für die Kinder ist, nicht nur negative sondern auch positive Erfahrungen mit ihren Eltern zu dokumentieren: „Eltern und Kinder haben vor einer Fremdunterbringung eine gemeinsame Zeit gehabt, die schwierige, aber auch gute Phasen hatte.“ Die Haltung gegenüber den Eltern der Kinder bleibt bis auf kleine Ausnahmen im zweiten Teil konstruktiv und neutral, eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Biografiearbeit. ...
Diese Rezension bezieht sich noch auf die erste Auflage. Viele meiner Anregungen wurden in der aktuellen zweiten Auflage umgesetzt.
Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen – eine wirkungsvolle Hilfe zur Persönlichkeitsentwicklung
in
Wo komme ich her – wo gehöre ich hin?
Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Erziehungsberatung
LAG
für Erziehungsberatung in Hessen, EB-Kurier 2004, Frankfurt am Main
»Drum muss ich noch einmal zurück an so viele Orte, um mich wiederzufinden ...« Pablo Neruda, Der Wind, entnommen aus dem Roman »Porträt in Sepia« von Isabel Allende
Seit nun 25 Jahren begleite ich
Pflege-
und Adoptivfamilien und erfahre in der Arbeit mit dieser Zielgruppe immer stärker, von welch tiefer Bedeutung es für die Kinder und die Heranwachsenden und auch für die Erwachsenen ist, frühere Zeiten aus ihrem Leben zu erfassen, Zusammenhänge zu wissen und in das heutige Leben einzubauen. Das gilt nicht nur für fremdplatzierte Kinder sondern für alle Kinder, Heranwachsende und Erwachsene. Wer in sich selbst Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpfen kann, bekommt ein anderes Wertgefühl für sich und für die Zeit. So ermutige ich inzwischen nicht nur
Pflege-
und Adoptiveltern sondern auch die meisten anderen Eltern, die sich wegen ihrer Kinder und Jugendlichen in der
EB
beraten lassen, mit ihrem Kind zusammen die Biografie und die Vergangenheit zu dokumentieren. Viele Kinder empfinden Verwirrung und Unklarheit über ihre Vorgeschichte. Viele Erwachsene erzählen dem Kind nicht genug oder geben nur Teilinformationen, die eher verwirren. Wenn Kinder spüren, dass sie und ihre Familie eine Geschichte haben, kommen sie mit sich und ihren Gefühlen besser in Kontakt. Die eigene Geschichte zu kennen, erweitert den Erfahrungsspielraum, vor allem, wenn es ungeklärte Fragen, Ereignisse in der Vergangenheit gab, wenn Zusammenhänge nicht eingeordnet werden können. Biografiearbeit schafft Klarheit und es fließt damit weniger Kraft in die Verdrängung und Verleugnung. Es werden oftmals Energien frei beim Kind, die zuvor gebunden waren. ...
Interview: Mut zur Wahrheit – Vom richtigen Zeitpunkt, offen und ehrlich zu reden.
Das Interview erschien in
pflegemamas&papas 02/2004, dem Magazin für Pflegeeltern des Amtes für Jugend und Familie, 1030 Wien.
Welchen Stellenwert soll die Herkunftsfamilie meines
Pflege-
oder
Adoptivkindes haben? Welche
Probleme sind damit für das Kind
verbunden? Und wie verhalten
wir uns richtig? Pflegeeltern beschäftigen viele Fragen, die sich
leibliche Eltern nie stellen müssen:
Pflegemamas & Pflegepapas, das
Magazin für Pflegeeltern, bat die
Diplom-Psychologin und Buchautorin Irmela Wiemann zum
Gespräch.
pflegemamas&pflegepapas: Was
bedeutet den Pflegekindern ihre
Herkunftsfamilie?
Irmela Wiemann: Die Kinder müssen
damit leben lernen, auf der einen Seite leibliche Eltern zu haben, die ihnen
das Leben schenkten. Dann gibt es da
die seelisch-sozialen Eltern, bei denen
sie jeden Tag leben. Hinzu kommt das
Leid, dass sie Eltern haben, die bestimmte Dinge nicht konnten, die
ihnen vielleicht auch sehr geschadet
haben. Im Pflegekinderbereich haben
wir oft Kinder, die misshandelt oder
missbraucht worden sind. ...
Babyklappe und anonyme Geburt
Hintergründe – Kritik – Alternativen
LAG für Erziehungsberatung in Hessen, LAG-Info 23/2003, Frankfurt am Main
Die »Aktion Moses« aus dem bayrischen Amberg, eine Idee der katholischen Kirche aus dem Jahr 1999, beeindruckte auf den ersten Blick und gewann schnell an Popularität: Bevor Neugeborene ausgesetzt oder getötet würden, sollten »Mütter in Not« ihre Kinder lieber unerkannt – wie schon im Mittelalter – in einer Babyklappe straffrei abgeben oder einer ehrenamtlichen Helferin anonym übergeben dürfen. Wer wollte nicht dafür sein, wenn es um die Lebensrettung von Babys geht? Medien und Politik waren begeistert. Und alle Fraktionen im Bundestag waren sich einig! Kritische Stimmen wurden zunächst verständnislos zurückgewiesen. ...
Biografiearbeit mit fremdplatzierten Kindern und Jugendlichen – eine wirkungsvolle Hilfe zur Persönlichkeitsentwicklung
in Rosa Heim, Christian Posch
(Hrsg.):
Familienpädagogik. Familiäre Beziehungen mit Kindern professionell gestalten, Studienverlag, Innsbruck, 2003
Der fünfjährige Martin hat von seinen Pflegeeltern ein Album angefertigt bekommen, in dem Fotos vom Kinderheim und aus der Anbahnungszeit enthalten sind. Martin blättert gern in dem Album. Wenn sein Pflegevater dann zu ihm sagt: Und bis du drei Jahre alt warst, hast du bei deiner Mama gelebt. Kannst du dich noch an sie erinnern? Dann behauptet er, Lisa, eine Erzieherin aus dem Kinderheim sei seine erste Mama gewesen und zeigt dann deutlich: Kein Wort mehr zu diesem Thema. Er antwortet dem Pflegevater nicht mehr und fängt demonstrativ ein neues Thema an.
Weshalb kann Martin sich nicht an seine Mutter und sein leben vor dem Kinderheim erinnern? Wir haben es hier mit den Spätfolgen eines Traumas zu tun: Für Martin war die Mutter die einzige Bezugsperson, drei Jahre lebte er mit ihr in seiner vertrauten Umgebung. Auch wenn sie ihm nicht die Bindungssicherheit, nicht die notwendige Kommunikation zuteil werden ließ, so war er doch existenziell auf sie angewiesen, abhängig und verbunden. Das Verlassen der Wohnung, der Verlust der Mutter und der Tiere, der Umzug in das Kinderheim war ein so radikaler schmerzlicher Einschnitt in sein Leben, dass er ihn nicht ertragen und damit »vergessen« und verdrängen musste. ...
Adoption und Identitätsfindung
Vortrag auf der Fachtagung
Babyklappe und anonyme Geburt – ohne Alternative? 27./28. Mai 2003 in Bonn
in terre des hommes
(Hrsg.):
Babyklappe und anonyme Geburt – ohne Alternative?, Osnabrück, 2003
Nachdruck in
Hebammenforum 12/2003, Karlsruhe
Nachdruck in
Elternheft Nr. 95, 2/03, Graz
Mit den leiblichen Eltern oder einem leiblichen Elternteil aufzuwachsen, ist in unserer
Kultur selbstverständlich. Kinder sind Teil ihrer Verwandtschaft, letztes Glied von
Generationen. Das Kind sieht jemandem in der Familie ähnlich, »es kommt auf den
Vater, die Tante, die Großmutter oder ältere Geschwister heraus.« Über unsere Eltern,
Großeltern, Geschwister, unsere Verwandten,
(z.B.
wem wir ähnlich sehen) definieren
wir uns. Darüber hinaus wird unsere Identität bestimmt über Geschlechtsrolle,
soziale Rollen, sozialen Status, Beruf,
d.h.
über Leistung und soziale Beziehungen,
Normen und Werthaltungen. Durch seine Familie weiß ein Kind wie von selbst,
wer es ist, bekommt es seine Besonderheit, seine Unverwechselbarkeit, seine Identität. ...
Biografiearbeit mit Kindern ausländischer Herkunft
in Tony Ryan, Roger Walker: Wo gehöre ich hin?, Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen, ab 2. Auflage, Juventa, 2003
Mai wurde mit drei Jahren in Vietnam zu deutschen Adoptiveltern vermittelt. Ihre Adoptiveltern wollen ihr ermöglichen, sich weiter in ihrer Landessprache zu unterhalten und besuchten von Anfang an häufig ein vietnamesisches Restaurant, das einer befreundeten vietnamesischen Familie gehört. Doch Mai spricht dort nie ein Wort vietnamesisch. Mit sechs erzählt sie einmal lächelnd, dass sie zwar jedes Wort versteht, es ihr aber unmöglich ist, ihre von früher vertraute Sprache wieder zu sprechen: »Ich gehöre doch jetzt zu Euch.« Nun erklären ihr die Adoptiveltern: »Obwohl du jetzt ganz und gar zu uns gehörst und wir dich lieben, bleibst du immer das Mädchen, das die ersten Jahre in Vietnam aufgewachsen ist. Du bist ein deutsch-vietnamesisches Kind und beide Länder gehören für immer zu dir.« Beim nächsten Kontakt mir der vietnamesischen Familie spricht Mai zunächst leise und vorsichtig und dann immer lebhafter in ihrer Herkunftssprache. Sie wirkt danach besonders gelöst und zufrieden.
Der Kontakt mit Menschen aus dem Herkunftsland des Kindes wühlt auf, erinnert das Kind an den radikalen Bruch im Leben, schmerzt und heilt zugleich. Mais selbst auferlegtes Verbot, die Sprache nicht zu sprechen, war der Versuch, ihren Schmerz unter Verschluss und ein Stück Ordnung in ihr Leben zu bringen: Darf sie als Kind der deutscher Adoptiveltern noch ihre alte Sprache sprechen? Erinnert die alte Sprache nicht an das Trennende zwischen ihr und ihren geliebten Eltern und gefährdet so ihre Sicherheit? Dabei zeigen die Adoptiveltern durch die Kontakte zur vietnamesischen Familie ihre Akzeptanz von Mais Herkunft und ihrer Vergangenheit. Die Adoptiveltern leisten hier ein Stück wertvolle Biografiearbeit und fördern Mais seelisch-soziale Entwicklung. Denn je weniger ein Kind von seiner Lebensgeschichte abspalten und verdrängen muss, um so lebendiger kann es durch sein Leben gehen. ...